MAN SIEHT NUR MIT DEM HERZEN GUT

 

 

Bei unserer Familienwanderung am Ostersonntag nach Castell hatten wir eine wunderbare Begegnung mit Lieselotte. Bereits vor zwei Jahren sind wunderbare Aufnahmen von Ihr in ihrem Garten entstanden.

Damals waren wir zu zweit mit Kamera und Vespa unterwegs und sind eher zufällig zu diesen Momentaufnahmen gekommen. Lieselotte war sehr reserviert, als wir sie am Gartentor ansprachen und um ein Foto baten.

Diesmal gemeinsam mit unseren Kindern zu Fuß mitten am Dorfplatz war die Begegnung ganz anders.

Wir waren bereits am Rückweg, wollten vorbei am Weinstall, entlang der Weinberge, Richtung Friedrichsberg laufen. Lieselotte in gebückter Haltung, rechts ihren Stock, links am Handwagen aufgestützt kreuzte unseren Weg. Inzwischen 92 Jahre alt und viel gesprächiger als beim letzten Mal, erzählte sie uns Geschichten von damals. Von ihrem Bruder, der für die Weihnachtstage aus der Gefangenschaft nach Hause durfte und dafür mit dem Rad von Neustadt/Aisch zu seiner Familie fuhr. Von der Mutter, die bereits mit 58 Jahren starb und sie dann den Haushalt für ihren Bruder und den Vater übernahm. Ihr eigenes Leben in den Dienst der Familie stellte, geprägt von Arbeit, Demut und der Selbstverständlichkeit sich auf die Gegebenheiten des Lebens einzulassen. Wir hingen gebannt an ihren Lippen, denn die Lebendigkeit in ihren Augen mit der Freude dem Leben gegenüber, war sehr beeindruckend.

Wenn wir ihr unsere Hilfe beim Gehen anboten lehnte sie dankbar ab mit dem Spruch unserer Kanzlerin:“ WIR SCHAFFEN DAS“!

Schritt für Schritt legt sie diesen Weg gemeinsam mit ihrer Katze Susi wahrscheinlich täglich zurück, um das Grab der Familie zu gießen oder kleinere Dinge mit dem Wagen zum eigenen Garten zu befördern. Ein Kraftakt in unseren Augen. Eine Schulung zum Entschleunigen im Umgang mit sich selbst, den Mitmenschen und der Natur.

Wir verabschiedeten uns mit der Hoffnung einer vielleicht dritten Begegnung und einer Ergriffenheit, die noch einige Kilometer anhielt.